Der Schattenwolf

Geschrieben von schamanca.

Diese Geschichte stammt von Sheena, einer Frau aus unserem Forum. Wir fanden sie so schön, dass wir sie gerne hier veröffentlichen.

Es war soweit. Sie hatte lange damit gerechnet. Drei von denen saßen ihnen gegenüber an einem Tisch in diesem leeren Haus in dieser verlassenen Stadt. Dass sie zu Ihnen gehörten, zeigten ihre Gesichter, wie Masken mit übergroßen Nasen und verlängerten Köpfen, gerade so wie man sie von Karikaturen in den Zeitungen kannte.

Und sie wusste, dass es zu Ende war. Die beiden Welt würden zusammentreffen, die eine unheilschwanger mit Angst, Schmerz und Vergeblichkeit, die andere gesättigt mit Träumen, Geschichten und Legenden. Sie würden einige Male zusammenstoßen und wieder zurückprallen, wie ein Tischtennisball auf der Platte. Die Abstände würden dann kürzer werden, bis sie ineinander schwingend genügend neue Spannung angesammelt hätten, um sich wieder abzustoßen und ihrer eigenen Wege zu gehen. Märchenzeit. Sie kannte die Geschichten, die dieses Ereignis beschrieben. Mehr noch, sie erinnerte sich, es war nicht das erste Mal. Die Welten mussten sich schon sehr nahe sein.

Sie wusste auch, wie dieses stumme Duell bald ausgehen würde. Sie fing den Blick ihrer Schicksalsgenossen auf. Die unhörbare Zwiesprache ergab Einvernehmen. Endzeit. Sie würden gejagt werden. Sie würden Schmerzen leiden. Wie zur Bestätigung stand einer von ihnen auf, umrundete den Tisch, wandte sich der anderen Frau zu und riss ihr ein Büschel Haare vom Kopf. Es schien nicht sehr weh getan zu haben, sie sagte jedenfalls nichts, aber in ihren Augen erschien die Angst. Das war nur der Anfang gewesen, sie erwartete Schlimmeres. Überraschend folgte eine Pause in der Auseinandersetzung, die anderen verließen den Raum, sie blieb allein zurück. Bedenkzeit. Die Lage der Dinge überraschte sie nicht, sie hatte sich längst damit abgefunden, aber würde sie die Schmerzen aushalten können? Doch die beiden Welten hatten in der Zeit bereits einen abgeschlossenen Raum geschaffen, an Entkommen war nicht zu denken.

Sie unterbrach ihre Gedanken, stand auf und begab sich in die verlassenen Straßen. Unweit des Eingangs begegneten ihr die drei, die anderen zwischen ihnen, bemüht, Dienstbarkeit und Unterwürfigkeit zu demonstrieren. Es würde ihnen nichts nützen. Sie fing einen entschuldigenden Blick auf, ungewöhnliche Umstände erforderten außergewöhnliche Maßnahmen. Sie hätte es wissen müssen, zu oft hatte sie das erlebt. Dennoch spürte sie das leise Bedauern dort, wo früher die Verzweiflung ihr Zuhause hatte, so wie eine alte Narbe schmerzt. Sie war allein, aber auch das überraschte sie nicht, sie war daran gewöhnt.

In diesem Augenblick kollidierten die beiden Welten. Die Wölfin setzte sich in einen leichten Trab. Der Wind heulte durch die verlassenen Straßen, die Menschen waren geflohen. Sie würden trotzdem sterben müssen. Mit dem Sterben hatte sie sich abgefunden. Aber nicht so, lieber allein, ohne Angst und ohne Klagen. Und entschlossen wandte sie sich in die entgegengesetzte Richtung.

Auf einem Hügel blieb sie stehen und zog witternd die Luft ein. Windzeit. Der Wind brachte den Duft von Erde, Pflanzen und Wasser. Wasser am Himmel und Wasser in der Erde. Vollgesogen hatte sich die Erde mit dem Wasser und es stieg und stieg und drückte ihr den Geruch aus den Poren. Das war ein wilder, beunruhigender und verlockender Duft. Die Wölfin wollte laufen, sich darin verbeißen, doch sie wusste, dass sie ein Ziel hatte. Wenn es eine Rettung gab, dann in dieser Richtung, aus der das Unheil kommen würde, mitten im Zentrum des heraufziehenden Sturms. Sie spürte keine Angst. Dies war eher etwas, das getan werden musste. Und sie lief mit kraftvollen Bewegungen dem anschwellenden Heulen des Sturms entgegen.

Noch immer fühlte sie eine Spur des Bedauerns. Sie hätte einen Gefährten haben sollen. Sie hatte sich mit dem Alleinsein abgefunden, wie sie auch den Regen oder den Hunger im Winter akzeptierte, wenn die Jagd keine Beute brachte. In gewissen Sinn liebte sie auch ihre Einsamkeit. Sie hatte nie verstanden, warum es so war, und dabei hatte es wenig Rätsel in ihrem Leben gegeben, auf die sich keine Antworten finden ließen. Jetzt aber ergab auch diese Frage keinen Sinn mehr. Am Himmel bauten sich die Wolken zu einer schwarzen Wand auf und verdunkelten zunehmend das schwefelgelbe Licht. Wieder trafen die Welten aufeinander. Der Schatten neben ihr verdichtete sich. Fast war es, als liefe der Gefährte mit den gleichen geschmeidigen und ebenmäßigen Bewegungen neben ihr. Es beseelte sie der gleiche Wille und trieb sie vorwärts zum gleichen Ziel in unausgesprochenem Einverständnis. Wolfszeit. Sie würden laufen bis zum Einbruch der Dunkelheit und dann ein wenig ruhen in der Gewissheit ihrer Gemeinsamkeit. Sie würden sich gegenseitig wärmen und von den Zweifeln und Anfechtungen einer der Veränderung unterworfenen Schattenwirklichkeit erholen. Dann würden sie ihren Weg fortsetzen, denn sie hatten den gleichen Weg.

Einen Moment lang verlor sie sich in der Geborgenheit, doch noch lagen die Welten nicht vollständig ineinander. Noch war sie allein. Doch wenn es am Ziel tatsächlich eine Rettung geben sollte, dann würde sie dort auch dem Schattenwolf begegnen. Unbeirrt folgte sie der aufgenommenen Witterung dem Mittelpunkt entgegen und sprang in dem Augenblick durch den großen Torbogen als die Welten endgültig ineinander glitten und die gewohnte Wirklichkeit für einige Stunden in der Traumzeit verschwand.


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