Abschied

Ein geliebter Mensch ist gestorben. Trauer, Wut, Schmerz, Verzweiflung....
Wie kann man damit umgehen, wie verarbeiten, wie weiterleben?
Ich erzähle Euch die Geschichte meines Verlustes, wie ich damit fertig wurde. Vielleicht könnt Ihr etwas davon mitnehmen.
Bride


Der Anruf kam nachmittags um 17.00 h aus dem Krankenhaus. „Wir haben Ihren Vater aufgenommen. Bitte kommen Sie so schnell wie möglich vorbei, es steht nicht gut um ihn.“
Mir gefroren die Gesichtszüge und ich hatte das Gefühl, als würde alles Blut aus meinem Gesicht weichen. Meine Tochter sah mich fragend an. „Opa ist im Krankenhaus. Ich muss weg.“

1000 Gedanken schossen mir durch den Kopf, als ich mit eindeutig überhöhter Geschwindigkeit quer durch die Stadt raste. Ich rief sämtliche Götter an, bat um Hilfe, um Stärke..... und auch, dass ich nicht zu spät käme.
Im Krankenhaus angekommen, stürmte ich wie verrückt in die Notfall-Ambulanz und fand meine Mutter. In Tränen aufgelöst. Wie winzig sie war. So klein, so zerbrechlich. Wieso war mir das bislang nicht aufgefallen.

Gleichzeitig Wut, ohnmächtige Wut. Als der Anruf aus dem Krankenhaus kam, war mein Vater bereits tot. Warum hat man mir das nicht vorher gesagt? Die Schwester kümmerte sich um meine Mutter, ich wurde gefragt, ob ich ihn noch einmal sehen wollte. Selbstverständlich wollte ich, wollte sehen, ob es wirklich stimmte oder nicht, wollte Abschied nehmen.
Da lag er in einem Krankenhausnachthemd, zugedeckt, die Hände lose auf der Decke.
Und nein, es war kein friedlicher Tod gewesen, nicht so, wie ich es mir für ihn gewünscht hatte. Sein Gesichtsausdruck zeugte noch von dem Kampf, den er hatte kämpfen müssen.

Und dennoch, ich konnte ihn spüren. Er war noch da, in diesem kleinen Raum bei mir. Er hatte auf mich gewartet. Entsetzen schüttelte mich, ich weinte hemmungslos und dankte ihm, für all das, was er mir in seinem Leben gegeben hatte, für seine unerschütterliche Liebe zu mir, für seinen Glauben in mich. Ich legte meine Hand auf die seine und diese Kälte ging mir durch und durch. Da endlich begriff ich, dass er wirklich nicht mehr da war.
Ich konnte spüren, wie sein Geist mich ein letztes Mal umarmte, hatte das Gefühl, als würde er mir über den Kopf streicheln....

Die Wochen danach waren grausam. Meine Mutter am Boden zerstört, die Kinder klagten und weinten und ich vergrub meinen Schmerz tief in mir, schrie ihn aber andererseits hemmungslos aus mir heraus.
Ich erzählte allen, die es hören wollten, und auch denen, die es nicht hören wollten *g*, was für einen wunderbaren Vater ich gehabt hatte.

Zu Samhain zündete ich eine Kerze an, bat die Götter, ihre Hand über ihn zu halten, ihn auf seinem Weg in die andere Welt zu begleiten, ihm zu sagen, wie sehr wir ihn liebten.

Die Monate vergingen und der Alltag holte uns ein. Dennoch, bei jedem Gedanken, liefen mir von neuem die Tränen. Ich glaube, soviel habe ich noch nie geweint. Diese Trauer machte mich mürbe, lähmte mich im Alltag. Ich spürte, ich muss etwas unternehmen.

Also zwang ich mich dazu, wieder die Farben des Lebens um mich herum zu entdecken, das Leben wieder anzunehmen und nicht selbst als wandelnde Leiche umherzuwandern. Dennoch war es mir völlig unmöglich, auch nur ein Foto von ihm anzusehen.

Als mein Vater ein Jahr tot war, schenkte mir meine Mutter ein gerahmtes Bild von ihm. Und wieder brach der Schmerz mit einer Urgewalt aus mir hervor. Aber mir war auch klar, ich muss ihn gehen lassen. Ich darf ihn nicht mit meinem Schmerz hier halten.
Stumm saß ich abends vor dem Bild und der Kerze, die ich ihm angezündet hatte.

Zwei Tage später, an seinem Geburtstag, reifte in mir der Entschluss, mich mit einem Ritual von ihm zu verabschieden, ihn loszulassen.
Ich kochte sein Lieblingsessen und deckte den Tisch für uns. Und dann aßen wir zwei, ganz alleine. Ich erzählte ihm, wie wir das Jahr verbracht hatten. Ich erzählte ihm alles, was ich ihm immer sagen wollte, aber nie die Gelegenheit dazu hatte. Früher, weil es sich nie ergab und später, weil er es nicht mehr verstehen konnte. Manchmal hatte ich das Gefühl, ich könne ihn lachen hören, ich roch seinen typischen Duft. Papa eben. Als alles gesagt war, nahm ich das Essen von seinem Teller, schlich mich in den Park in unserer Nähe und vergrub das Essen für die Ahnen, noch ein Schlückchen Wein drauf. Prost Gemeinde *g*.

Dann ging ich wieder nach Hause und schlief tief und fest.

Seit diesem Zwiegespräch in meiner Küche habe ich das Gefühl: es ist gut, so wie es ist. Das Gespräch war gut, das Essen, das Opfer für die Ahnen. Alles passte und war so, wie es sein sollte.
Dieser quälende Schmerz, den ich ein Jahr lang mit mir rumschleppte, er ist seitdem weg.
Sicher, ich bin immer noch traurig, wenn ich darüber nachdenke, dass er nun wirklich noch nicht alt war, aber das seine Krankheit ihn immer mehr von uns entfernte. Am Ende wäre es ein Dahinvegetieren gewesen. Das hätte er nicht gewollt. Selbst wenn sein Tod für uns alle mehr als überraschend war, hilft mir persönlich der Gedanke daran, dass die Götter ihm gnädig waren, indem sie ihn zu sich holten.

Auch sein Wunsch, dass er auf See bestattet werden wollte, so fremd es mir damals war, so sehr ich damit haderte, ich bin froh, dass wir seinem Wunsch entsprochen haben.
Auf diese Weise ist er wieder in den endlosen Kreis des Lebens eingegangen. Und jeder Regentropfen, der mir auf die Brille tropft, erinnert mich daran, jede Blume, jeder Baum, jeder Windhauch, der mein Haar zerzaust.
Er ist zurückgegangen, eins geworden mit der Natur. Und auf alle Fälle ist mir eines geblieben, nämlich das Bewußtsein, dass er mich sehr geliebt hat, so, wie ich bin. Und dafür bin ich dankbar.