Patientenverfügung? Mein Bericht aus der Realität....

Geschrieben von La Loba.

...auch eine Form von Trauerarbeit

Anlässlich der Thread's im Forum zum "Organspendeausweis" und "Älteste Erstgebärende ... " greif ich jetzt ein Thema auf, das ich schon seit fast einem Jahr mit mir herumtrage. Da war erst mal Freundes-Beistand zu leisten, dann die eigene Trauerarbeit vonnöten - bis ich jetzt so weit war,

meine Überlegungen und Gedanken zu den damaligen Geschehnissen hier nun in die entsprechenden Worte zu fassen.....

Etwas mehr vor einem Jahr - so Mitte Dezember hatte ich ein längeres Telefongespräch mit einem sehr, sehr guten Freund, jahrelang schon im Rollstuhl, aber immer noch so was von Lebensmut und -willen, trotz allem nicht kleinzukriegen. Er war bis vor drei Jahren Vorsitzender des hiesigen Behinderten-Beirates und wir waren uns in den letzten Jahren darüber hinaus menschlich sehr nahe gekommen und ermunterten uns oft gegenseitig, die Flinte nicht ins Korn zu werfen, wenn's mal wieder gesundheitlich ganz dicke kam.
Jetzt ging es um Hausfrauen-Stress vor Weihnachten - seine Frau quirlte auch schon seit Tagen nur noch durch das Haus, um alles zu schaffen und er brauchte von mir  Compi-Ratschläge und hatte Sorge, mich zu nerven. "Nein, nein", versicherte ich und ich sei "ganz Ohr". Also kam er damit heraus, dass er eine Altersvorsorgevollmacht und Patientenverfügung gemeinsam mit seiner Frau, ausfertigen wollte. Die Vorlage hatte er aus seiner Betriebsrats-Vorsitzendenzeit noch - eingescannt und gespeichert als Grafik - aber technisch keine Möglichkeit, die Texte zu bearbeiten. Er kannte meine Compi-Programme und erhoffte von mir einschlägige Hilfe, was auch geschah. Die so auf den PC gelangten Entwürfe speicherte ich bei meinen Beratungs-Unterlagen - wozu ich von meinem Freund die Erlaubnis bekam.

Weihnachten kam und ging, der Jahreswechsel folgte - wir tauschten Grüße und Glückwünsche per Mail und Telefon - die Welt war in Ordnung, bis.....
mein Freund mich kurz nach Neujahr erneut anrief, um mir mitzuteilen, dass er Mitte Januar zu einer Routine-Überprüfung an der Wirbelsäule ins Krankenhaus müsse und mich bat, mich etwas um seine Frau zu kümmern. Das sicherte ich ihm zu; es war für mich überhaupt kein Problem und wünschte ihm noch alles Gute und viel Erfolg und ich sei auf die Berichte seiner Frau gespannt - (leider kann ich ja keine Krankenhaus-Besuche machen wegen meiner Empfindlichkeit auf Desinfektionsmittel - ist für mich nachwievor ein Risiko und nur besonderen Situationen vorbehalten).

In den nächsten Tage telefonierte ich oft mit der Frau meines Freundes, die mir seine Grüße weitergab - sie berichtete von den Untersuchungen. ....

Dann kam die Nachricht, dass mein Freund erneut an der WS operiert werden sollte. Dafür wurde er dann 14 Tage lang durch ein neuerliches Apparate-Diagnostik-Programm geschleust, wegen einer aufgetretenen Infektion bekam er Antibiotika und dann kam dieser katastrophale Hilferuf seiner Frau:  Er hatte eine Lungenembolie - in deren Folge er 45 min klinisch tot war - und wurde danach noch reanimiert, lag anschliessend im Koma - je nachdem was die nächsten Stunden ergeben würden, erfolge ein Luftröhrenschnitt.

Seine Frau saß in den folgenden Tagen an seinem Bett,  streichelte ihn und redete mit ihm  - auch wenn es so nicht erkennbar war, ob er sie hörte. Doch sie glaubte daran, dass er hörte und sie verstand. Sie hat ihm berichtet, dass wir viel an ihn denken und für ihn beten.... und sie war so voll Hoffnung.
Doch der gemarterte Körper und die Seele gaben auf - der hier dann wohl noch gnädige Tod setzte dem alles ein Ende - aber wie sollte ich diese Frau jetzt trösten? Es gab doch vorher nur die Routine-Untersuchung, keine besonders großen Schmerzen - nun mit dem Hinweis auf das nicht mehr zu erwartende lebenslange Siechtum? - Sie hatten sich von der jetzt als notwendig erklärten OP so viel - und noch einige schöne Jahre gemeinsam - versprochen.
Ich war von dieser Situation und dem ganzen Geschehen so was von körperlich fix und fertig, emotional aufgewühlt, erschüttert und trotzdem fand ich die Kraft, dem Wunsche seiner Frau entsprechend, letzte auf dem PC gespeicherte Texte meines Freundes, aufgezeichnete Anrufe mit seiner unvergleichlichen hoffnungsvollen Stimme auf CD zu brennen (quasi zu konservieren), die wir ihr nach dem Begräbnis als Erinnerung übergaben - und genau da hatte ich den richtigen Trost für sie gefunden - Erinnerungen, die sie sich angucken, anhören konnte.

Genau besehen, hat die Patientenverfügung überhaupt nichts bewirkt - die Ärzte haben einerseits Hoffnung erweckt - und dann andererseits ihr Ding durchgezogen.

Ich brauchte lange, bis ich in der Lage war, die Fakten zusammenzutragen und meine Frage dazu hier jetzt: Wo bleibt da die Ethik? Was ist Ethik heutzutage überhaupt noch? Darf in der Medizin alles gemacht werden, was machbar ist?
Das ließ mich lange nicht los und ich machte mich auf die Suche. Ich sprach mit Freunden, mit Bekannten; ich recherchierte im WWW und fand einschlägige und aufhellende Ausführungen:

Eindeutiger Gerichtsbeschluss 
Den Leserbrief vom 10.11.2004 des Vorsitzenden Richters am Landgericht Köln, zu "Verbindlichkeit von Patientenverfügungen" (Ausgabe vom 6./7. 11.) , in dem er u.a. ausführt  "...Richtig ist, dass der Bundesgerichtshof die Verbindlichkeit von Patientenverfügungen eindeutig bejaht hat (Beschluss vom 17. März 2003 - XII ZB 2/03 -) ". Der komplette genaue Wortlaut dieses Leserbriefes in der Print-Version befindet sich im Archiv des Kölner Stadt-Anzeiger unter der Url:
http://onlinearchiv.ksta.de/pasks/printView.do?id=KS-11-10-2004-0802002369C5

Und im vorigen Sommer gab es zu diesem heiklen Thema eine Telefon-Aktion  des Kölner Stadt-Anzeigers, bei der drei Rechtsanwälte aus dem Ausschuss Betreuungsrecht des Kölner Anwaltvereins fachkundig unzählige Leserfragen zum Betreuungsrecht beantworteten.
Am 06.07.2006 berichtete ANGELA HORSTMANN über diese Aktion:
"Sicher, es gibt im Internet gute, vorformulierte Patientenverfügungen oder Vorsorgevollmachten. Da waren sich die drei Rechtsanwälte am Stadt-Anzeiger-Telefon einig. Ob diese vorformulierten Vollmachten aber immer die beste Lösung seien, sei fraglich. "Man kann nicht einfach eine Vollmacht runterladen und dann ist alles klar", warnt Edith Wege. Gemeinsam mit den beiden Kollegen Klaus Schlimm und Armin Viersbach aus dem Ausschuss Betreuungsrecht beantwortete die Anwältin die wichtigsten Fragen der Leser....", nachzulesen ebenfalls im Archiv des Kölner Stadt-Anzeigers unter der Url:
http://onlinearchiv.ksta.de/pasks/printView.do?id=KS-07-06-2006-080200407170

Fazit: Wer eine Vollmacht aufsetzen will, sollte sich also auf jeden Fall fachkundig beraten lassen.

Den Entwurf meines Freundes zur Patientenverfügung habe ich inzwischen bearbeitet und im Forum als pdf-Datei im Einstiegs-Thread zu diesem Thema angefügt - von dort aus kann sie bequem auf den eigenen Rechner geladen werden.
Betrachtet sie als Vermächtnis eines engagierten Mitstreiters im Selbsthilfe-Bereich.

La Loba

PS: zur Diskussion im Forum und zum Download der pdf geht's hier lang: http://www.schwarzmondfrauen.de/forum/index.php?topic=889.msg8337#msg8337