Lilas Geburt

Geschrieben von La Loba.

Meine Tochter Isabelle, verheiratet, in Frankreich lebend, überliess mir für das Portal der Schwarzmondfrauen ihren Bericht über die Geburt ihres dritten Kindes, welches sie kurz vor ihrem 41. Geburtstag zur Welt brachte.


Sie schreibt:

Hier ist der Geburtsbericht von Lila, geboren am 02.09.2003 zu Hause.

Einleitung

Ich habe zweimal im Krankenhaus entbunden, medikalisiert bis zum geht nicht mehr.
Es waren zwei leichte Entbindungen, die Medikalisierung hat mich erst einmal gar nicht so sehr gestört, bis auf die Episiotomie.
Die negativen Gefühle, die ich da schon hatte, konnte ich erst viel später überhaupt ausdrücken.
Was mich sofort gestört hat, war die "Pflege" oder in meinen Augen eher "Folter", die meinen Neugeborenen angedieh:
Augentropfen, stundenlange Trennung von der Mutter, Absaugen der Verdauungs-und Atemwege usw.
Beide Male war der Krankenhausaufenthalt eine einzige Tortur. Permanent wurden wir durch die Krankenhausroutine und -regeln in unserem Bemühen, uns kennenzulernen, eine Stillbeziehung in Gang zu setzen oder einfach unseren Rhythmus zu finden, behindert. Beide Male hat das Krankenhauspersonal unsere Stillbeziehung durch seine Inkompetenz gefährdet.

Als ich im Februar 2002 erneut schwanger war, hatte ich schon einen gewissen Weg zurückgelegt. Vor Allem durchs Stillen hatte ich enorm viel Hintergrundwissen und Informationen bekommen, dass es möglich ist "anders" zu entbinden. Je mehr Informationen ich bekam um so mehr verstand ich, dass ich nicht mehr gegängelt werden wollte, ich wollte eigenverantwortlich sein für meinen Körper und mein Baby und unsere Geburt selber bestimmen. Ich verstand endlich, dass man mir sozusagen meine vorherigen Geburten gestohlen hatte, dass mich das gestört hatte, ohne dass ich das auszudrücken wusste, denn offensichtlich hatte doch Alles gut geklappt.
Dieses Mal wollte ich "natürlich" gebären.

Also fing ich ganz am Anfang der Schwangerschaft an, ein Krankenhaus zu suchen, welches Entbindungen durchführt und dabei die werdende Mutter und das Baby respektiert. Leider habe ich keins gefunden in meiner Nähe, dafür aber eine Hebamme, die Hausgeburten durchführte. Die Entscheidung fiel sehr schnell für mich.
Eh dass ich noch einmal ein so wichtiges Ereignis wie eine Geburt in einer so feindlichen Umgebung wie dem Krankenhaus erleben wollte, würde ich zu Hause entbinden. Leider habe ich dieses Baby in der 14 .Schwangerschaftswoche , unter Umständen, die mich das Krankenhausmilieu noch stärker ablehnen ließen, verloren.

Sieben Monate später war ich erneut schwanger und nahm meinen Weg da wieder auf, wo ich beim Verlust des Babies aufgehört hatte. Ich war noch entschiedener "natürlich" entbinden zu wollen. Ich entwickelte mich immer mehr in Richtung Hausgeburt. Ursprünglich war die Hausgeburt nur eine
Ersatzlösung gewesen, inzwischen war ich immer überzeugter von den Vorteilen einer Hausgeburt im Gegensatz zur Krankenhausgeburt. Ich las viel und tauschte mich per Internet mit anderen Frauen über das Thema aus. Meine Hausgeburtshebamme betreute mich während der Schwangerschaft.

Kurz vor dem Entbindungstermin fand ich eine Klinik, die natürlichere Geburten ermöglicht, aber ich wollte gar nicht mehr in einer Klinik entbinden. Trotzdem ging ich hin um dort eingeschrieben zu sein für alle Fälle.
In meiner Akte befand sich ein schriftlicher Vertrag mit den Punkten, die mir wichtig waren, was den Verlauf der Entbindung angeht: Medikamente, die ich nicht wollte, Position während der Entbindung usw. Trotzdem hoffte ich, nicht dort entbinden zu müssen.

EIn Haupthindernis für die Hausgeburt war mein Mann, anfangs ziemlich heftig dagegen eingestellt, wegen den angeblichen Risiken die ich einginge für das Baby und mich. Unmöglich, ihn mit Statistiken und Studien zu überzeugen, die in meinem konkreten Fall alle eindeutig zugunsten der Hausgeburt und gegen die Krankenhausgeburt sprachen. Aber er wollte davon einfach nichts wissen.
Zu guter Letzt gab er zu, dass es mein Körper, mein Leben und folglich meine Entscheidung sei, wo und wie ich entbinde.Falls es schlecht ablaufe und dem Baby etwas zustosse, würde er mir das nie vergeben. Das war nicht einfach für mich, aber ich hatte inzwischen viel mehr Angst vor dem Krankenhaus, weil dort das Risiko einfach grösser ist, das was schief läuft.
Dann traf mein Mann die Hebamme und sie hat ihn ein bisschen leichter meine Entscheidung akzeptieren lassen.
Er war bereit, dabeizusein und mir zu helfen am Tag X.

Meine Mutter kam ein paar Tage vor dem errechneten Termin um sich um die Kinder kümmern zu können.

Dann gab es ein paar Zwänge von Seiten der Hebamme für die Entbindung. Sie arbeitet ein paar Nächte pro Monat in der Klinik. Eine Entbindung während einer ihrer Nachtdienste bedeutete für mich automatisch, dass ich ins Krankenhaus müsste, wo sie aber Dienst täte und meine Wünsche mehr als irgend jemand anders dort respektiert hätte.Trotzdem wollte ich das vermeiden und auch auf keinen Fall am 02. September mein Baby bekommen, dem Tag des Schulanfangs für ihre fünf und meine zwei Kinder.

Alles war, soweit wie möglich, vorbereitet.
Ich hatte schon seit sechs Wochen häufig und teilweise heftige Wehen und am 29.08.2003 bekam ich Rückenschmerzen. Die Hitze war unerträglich seit Monaten, ich schleppte mich nur noch herum, bewegte mich kaum noch, ging fast nicht mehr raus. Mein errechneter Termin war der 01.09. und der Termin
der Hebamme war der 06.09.03.

L i l a s G e b u r t

Am 1.9. abends gegen 19-20 Uhr gehen wir ein bisschen am Strand spazieren. Mir fällt die Decke auf den Kopf und ich brauche das bisschen Bewegung und die frische Luft. Aber vor 18 Uhr strecke ich die Nase nicht raus, zu heiss.
Während wir später zum Auto zurückgehen, im Rhythmus der Wehen, beginne ich, Flüssigkeit zu verlieren. Den ganzen Abend verliere ich immer wieder ein bisschen Flüssigkeit. Aber kaum nach Hause zurück gekommen, halten mich die letzten Vorbereitungen für den Schulanfang meiner Zwei, morgen nach zwei
Monaten Sommerferien ganz schön auf Trab, ich vergesse die Geschichte und achte nicht mehr auf die Zeichen meines Körpers.

Gegen 22 Uhr ist es ruhiger geworden im Haus und ich realisiere, dass sich da eventuell etwas tut. Ich lese in meinen Geburtsbüchern nach.
Da steht tatsächlich, dass das Fruchtwasser wenig spektakulär, immer so ein bisschen abgehen kann. Ich traue mich nicht so recht, ich möchte Laurence, meine Hebamme, auf keinen Fall am 2. September stören. Endlich sage ich mir, besser jetzt anrufen als später in der Nacht.

Sie möchte auf jeden Fall vorbei kommen um sicherzugehen, dass ich wirklich Fruchtwasser verliere. Sie hat eine Stunde 20 Minuten Fahrzeit bis zu mir und macht ihre Vorbereitungen für den Schulanfang morgen noch fertig, es ist ja nicht eilig bei mir.
Um Halb-Ein-Uhr nachts am 02.09.2003 kommt sie dann.
Sie macht mir eine Stunde den Wehenschreiber an, eine halbe Stunde läuft er zu langsam. Also müssen wir noch mal messen, die zweite halbe Stunde haben wir ein normales Resultat. Dann untersucht sie mich: Muttermund noch nach hinten ausgerichtet, zwei Finger weit offen, das Baby noch weit oben, Kopf nach
unten, Rücken links. So ist das schon seit Wochen. Nichts lässt auf eine baldige Entbindung schliessen.
Die chemische Analyse bestätigt, dass ich Fruchtwasser verliere.

In diesem Moment sagt mir Laurence, dass der Abstrich, den man letzte Woche im Krankenhaus gemacht hat, keine harmlose Mycose als Ergebnis zeigte, wie mir die Sekretärin des Krankenhauses sagte, sondern eine Infektion mit einer nicht ganz ungefährlichen Mikrobe, was das frühzeitige Platzen der Fruchtblase
auslösen kann. Ab morgen soll ich auf jeden Fall Antibiotika nehmen. Ausserdem soll ich 3x am Tag Fieber messen und Laurence kommt jeden Tag vorbei bis zur Entbindung um mich an den Wehenschreiber anzuschliessen und so zu überprüfen, dass es dem Baby gut geht. Beim kleinsten Risiko geht es zum Krankenhaus. Nun möchte Laurence sich ein paar Stunden ausruhen und gegen halb 6 morgens nach Hause fahren um dort den Schulanfang ihrer fünf Kinder zu organisieren. Später am Tag möchte sie dann noch mal vorbei kommen. Gegen halb 3 morgens gehen wir alle schlafen.

Als Alles ruhig ist im Haus werden die Wehen stärker und die Zeitabstände kürzer. Ich mache kein Auge zu. Um halb 5 habe ich Wehen alle acht Minuten und die sind sehr schmerzhaft. Philippe weckt Laurence, die mir rät, eine Dusche zu nehmen. Das tut sehr gut. Baden darf ich ja leider nicht mehr. Nach der Dusche treffe ich Philippe und Laurence bei einer Tasse Kaffee in der Küche.
Ich trinke meinen ersten Kaffee seit neun Monaten in der Hofnung, dass ich danach endlich auf Toilette gehen kann. Während dieses Kaffees habe ich eine gemein schmerzhafte Wehe und mir wird speiübel. Man hält mir eine Schüssel hin und Laurence vermutet, dass ich mindestens bei acht Zentimeter sein muss. Sie möchte mich erneut untersuchen. Wir beginnen mit einem erneuten Wehenschreiber und da gibt es Grund zur Besorgnis für das Baby. Der Schreiber zeigt eine ( ein starkes Absinken der Herzschlagfrequenz) jedes Mal nach einer Wehe, das könnte ein Zeichen für eine Infektion meines Babies sein. Ich bekomme Angst und schaue wie gebannt auf den Monitor. Laurence wendet den Bildschirm ab und die letzte Viertelstunde normalisiert sich die Kurve, also doch erst mal nicht ins Krankenhaus. Bei der Untersuchung kommt raus,
dass sich nichts geändert hat seit dem Vorabend, gleiche Position und Öffnung. Ich bin unglaublich enttäuscht, denn die Wehen waren die ganze Nacht äusserst schmerzhaft und haben offensichtlich nichts bewirkt. Ich beginne zu ermüden nach einer schlaflosen Nacht und die Moral ist nicht mehr zum besten.

Laurence erklärt mir, dass ich wohl heute nicht mein Baby bekommen werde. Das ist eine Vorarbeit , die sicherlich etwas bewirkt, aber nicht offensichtlich und das kann noch dauern bis zur Geburt. Sie liest mir sogar aus meinem Lieblings- Geburtsbuch vor, da steht es auch schwarz auf weiss. Sie möchte mich dadurch aufmuntern aber ich bin trotzdem enttäuscht und müde, ausserdem habe ich wirklich Schmerzen.

Inzwischen erwacht das Haus, früher als sonst. Die Kinder kommen gucken und sind beeindruckt vom Wehenschreiber. Alle bereiten den Tag vor. Laurence bleibt doch noch, ruft aber zu Hause an, damit ihr Mann den Schulanfang der Kinder organisieren kann, nun doch ohne sie. Ihr Mann kann sie auch mittags alle abholen, aber nachmittags muss sie dann unbedingt zu Hause sein.

Meine Mutter bereitet für Alle ein Frühstück, Olivier bereitet sich auf seinen ersten Schultag vor. Laurence sagt mir,dass ich zu verkrampft bin und gegen meine Wehen kämpfe, die dadurch noch schmerzhafter werden. Ich versuche, ihren Rat umzusetzen und den Schmerz zuzulassen und nicht dagegen anzukämpfen, hört sich einfach an und funktioniert auch bei mir. Auf einmal kann ich mich entspannen.

Um viertel nach Acht bringt mir meine Mutter ein kleines Frühstück. Ich habe nicht wirklich Hunger, aber ich spüre, dass ich Kräfte nötig habe nach dieser Nacht und auf andere Gedanken kommen muss. Philippe fährt Olivier mit dem Motorrad zur Schule. Ich konzentriere mich auf mein Frühstück, kaue mechanisch mein Toast und versuche, die Intensität der Wehen zu vergessen.
Nach dem Frühstück stelle ich fest, dass die Wehen schneller aufeinander folgen, ich hatte vier während des Frühstücks.
Laurence schlägt mir noch eine Dusche vor. Ist o.k.. Ich beginne, in meine “Seifenblase” zu entschwinden. Unter der Dusche hat das Verlieren von Fruchtwasser wieder angefangen. Zuerst bleibe ich in der Badewanne stehen, an die Wand angelehnt, die Beine leicht angewinkelt. Das wird unerträglich. Ich habe grosse Schmerzen im Rücken, im Nierenbereich, ich beginne zu heulen und die Beine zittern.
Nach drei Wehen geht diese Position nicht mehr. Ich versuche, am Fussende der Badewanne mich wie ein Hund hinzuhocken, auf alle viere, die Hände auf den Badewannenrand gestützt. So halte ich das besser aus. Ich bekomme noch ein bisschen mit, was um mich herum vorgeht - ich bin aber nicht mehr in der Lage, irgendwelchen Einfluss auf meine Umgebung zu nehmen oder zu sprechen. Ich heule immer stärker. Ich bin von der Aussenwelt abgeschnitten.
Seit Tagen habe ich eine fürchterliche Verstopfung, die mich enorm seit dem Vorabend stört.
Laurence bereitet mich darauf vor, dass das Alles nun rauskommt und das ich das auf keinen Fall versuchen soll, aufzuhalten. Das soll mir bloss nicht peinlich sein. Unmöglich dagegen anzukämpfen, selbst , wenn ich wollte. Ich kann nicht anders als pressen. Das ist furchtbar unangenehm und anstrengend.
Ich habe Angst für meinen Damm, denn man kriegt ja permanent gesagt, nicht nach hinten pressen, aber genau das tue ich nun. Endlich bin ich erleichtert.

Laurence fängt an, sich Sorgen zu machen, es ist inzwischen 9 Uhr und Philippe immer noch nicht von der Schule zurück. Sie fragt mich nach seiner Handynummer, aber ich stotter rum und bin nicht in der Lage, ihr zu antworten. Seit einer gewissen Zeit schon schreie ich bei den Wehen. Während dieser ganzen Zeit duscht mich Laurence , massiert mir den Rücken und hält mir die Hand. 2-3x verschwindet Laurence kurz um zu versuchen, Philippe anzurufen. Sie fehlt mir sehr in diesen Momenten. Um 9 Uhr 15 ist Philippe
endlich wieder da. Er bringt Olivier mit zurück, denn sein neuer Lehrer ist gleich am 1. Tag krank und der Vertreter auch. Das Alles hat ihn lange aufgehalten. Später haben sie mir erzählt, dass er das Handy klingeln hörte, er war auf dem Rückweg auf dem Motorrad, und sich denken konnte, dass er schnell nach Hause müsse, auch wenn er nicht antworten konnte. Er lässt Olivier im Garten auf dem Rücksitz sitzen und stürzt ins Badezimmer. Meine Mutter, schon draussen im Garten mit Melissa, kümmert sich um Olivier, beide im Garten damit meine Schreie sie nicht durcheinanderbringen.
Philippe hält mir die Hand und streichelt meinen Kopf, Laurence duscht mich und massiert mir den Rücken, ich habe den Talgpropfen verloren und kapiere immer noch nicht, dass das Baby jetzt kommt. Seit ich mich entledigt habe hört das Bedürfnis zu pressen nicht mehr auf. Laurence fragt mich, ob mir das nicht bekannt vorkommt. Ja, natürlich aber vor einer knappen Stunde hatte ich völlig wirkungslose Wehen , ich kann also doch jetzt nicht dabei sein, mein Baby zu gebären? Sie ermuntert mich, meinen Muttermund zu berühren und fragt, was ich denn da spüre und da ist es eindeutig, der Kopf mit Haaren meiner Tochter.
Jetzt kapiere ich es endlich: Jetzt kommt meine Tochter zur Welt.

Die Austreibung ist viel unangenehmer als bei den vohergehenden Geburten. Ich habe das Gefühl, einen Fussball in der Vagina eingeklemmt zu haben, unmöglich, den loszuwerden. Andererseits bin ich die Verantwortliche hier, ich entbinde und werde nicht entbunden. Also empfinde ich auch viel mehr, selbst, wenn es dadurch erst mal schwieriger ist, fast unerträglich. Laurence rät mir, tiefere Geräusche von mir zu geben, als die langgezogenen Heultöne, die ich ausstosse. Ich versuche es, bin aber nicht sicher, dass es dadurch einfacher wird. Ich presse und heule. Diese Wehen sind unendlich lang und ich presse 2-3 mal pro Wehe, ohne es zu schaffen, mein Baby herauszubekommen. Die Verzweiflung packt mich. Ich jammere " Ich schaffe es nicht". Laurence ist da, ganz ruhig, und sagt mir, dass ich keine Wahl habe, ich muss es schaffen. Zwei Pressversuche später kommt das Köpfchen.

Es ist 9 Uhr 35, ich empfange mein Baby mit den Händen. Ich hatte vergessen, wie klein die sind anfangs und dass man den Kopf halten muss.
Sie ist ganz glitschig und Laurence führt meine Hände mit dem Baby, so dass ich Lila gegen mein Brust halte. Sie ist komplett mit Vernix bedeckt.
Philippe umarmt uns beide. Lila knattert nur ein bisschen, dann schweigt sie und schmiegt sich an mich. Laurence bedeckt Lila mit dem rosa Handtuch, welches ich lange vorher für diesen Moment vorbereitet habe, nach Lektüre von Leboyer. So bleiben wir ewig.

Eine Minute nach Lilas Ankunft kommt meine Mutter mit den beiden Grossen dazu, die ganz schüchtern ihre Mama und die kleine Schwester anschauen. Ich hatte sie mit einem Bilderbuch (Runas Geburt) auf die Hausgeburt vorbereitet und wir hatten sehr viel über dieses Projekt gesprochen, auch dass das der Mama wehtun würde und dass Mama vielleicht weinen oder schreien würde, dass das aber nicht schlimm sei sondern dazugehört.

Ich erhole mich ein bisschen und komme zu Atem nach dieser Anstrengung. Viel später helfen mir alle, aus der Badewanne herauszukommen und mich ins Bett zu begeben, Lila in meinen Armen. Lila hat es nicht eilig an die Brust zu kommen. Als sie endlich trinken möchte, kommt sofort die Nachgeburt, 25 Minuten nach der Geburt. Wir schneiden ein kleines Stück von der Plazenta ab, um davon eine homöopathische Urtinktur zu machen, bewahren den Rest im Gefrierschrank auf, für eine Zeremonie, die wir später bestimmen möchten.
Lila trinkt schon sehr gut und ganz lange. Sie ist überhaupt nicht traumatisiert durch diese Geburt.
Viel später schneidet Laurence die Nabelschnur durch, Philippe wollte das nicht machen. Laurence bleibt noch ein bisschen, gibt mir Ratschläge und fährt schliesslich gegen 11 Uhr vormittags zu ihrer Familie nach Hause, um wenigstens mittags ihre Kinder von der Schule abholen zu können.

Wir bleiben als Familie unter uns. Lila an mich gedrückt, in ein anderes rosa Handtuch eingewickelt. Gegen Mittag fährt Philippe eine Waage ausleihen, wir werden Lila nicht baden und nicht messen, jedenfalls nicht
heute. Dieses Baby ist in keiner Weise manipuliert worden und laut Laurence sieht man da oft den Unterschied im Verhalten zu den Babies im Krankenhaus.

Philippe bringt Melissa zur Schule damit ich mich ausruhen kann, Melissa möchte auch zur Schule am 1. Schultag, das Leben geht weiter.
Irgendwann nachmittags wiegen wir Lila, 3090 g. Wir ziehen ihr eine Windel an und die schönen Kleider, die ich vorbereitet habe.
An diesem 1. Tag schläft Lila sehr viel und trinkt wenig, sie ernährt sich noch vom Schleim aus dem Verdauungstrakt. Sie ist wunderhübsch und ein eher ruhiges Baby.

Nachwort

Da muss ich heute lächeln, ich habe ganz viel Sachen für die "glückliche Geburt " vorbereitet: Mozart Musik, Kerzen, Duftlampe mit einer Ölessenz-Mischung, die ich eigens für die Geburt zusammengestellt hatte. Alles im Schrank vergessen. Es war wieder mal viel zu schnell.
Die Geburt fand unter der Dusche in unserem Badezimmer statt. Das verdient eine Renovierung und ist nicht besonders schön im Augenblick, also war es nicht besonders romatisch dort. Stille und gedämpftes Licht gab es leider auch nicht, es war heller Tag und die Sonne blendete schon ganz schön.
Aber egal, es war trotzdem die Geburt, die ich mir gewünscht hatte. Ich war selbstverantwortlich und autonom während der Entbindung. Laurence hat mich gefûhrt und begleitet, sie blieb sehr zurückhaltend, und wusste mir zu helfen und mich zu unterstützen ohne mich zu gängeln oder zu bestimmen. Das Baby wurde nicht unnötig manipuliert, für Lila war es wirklich eine ideale Geburt. Für mich war es nicht ganz so einfach, ich war zu erst frustriert und erschöpft durch die unwirksamen Wehen, später dann völlig überrumpelt durch die Geschwindigkeit mit der es dann ablief.
Die eigentliche Entbindung hat weniger als 1 1/2 Stunden gedauert, ungefähr 12-15 Wehen und 7-8 Presswehen. Ich habe 2 x Wehenschreiber und 2 Untersuchungen gehabt, die fand ich völlig akzeptable vor dem Hintergrund der Infektionsgefahr.
Laurence hat 1x den Blutdruck gemessen, 1x musste ich Temperatur messen und sie hat die Flüssigkeit, die ich verloren habe, analysiert. Das ist wirklich ein Minimum an medizinischen Eingriffen.

Ich habe eine " Luxusentbindung" gehabt. Laurence war permanent für mich da um mir die Hand zu halten, mir Beistand zu leisten, mich zu führen und mir den Rücken zu massieren. Philippe war auch unerlässlich und fast hâtte er die Geburt verpasst.
EIne Kleinigkeit: Intakter Damm, weder Schnitt noch Riss und das ist ein dermassen Unterschied fürs Wochenbett. Bei meinen anderen Entbindungen im Krankenhaus war das unausweichlich, 2 Dammschnitte, ich war vorher sehr sportlich und man hat sich auf keine Diskussionen eingelassen. Ich habe da sehr lange drunter gelitten. 4-5 Tage nach Lilas Geburt gab es noch ein paar kleine Blutungen, ganz anders als bei meinen Krankenhausgeburten, ohne von den Schmerzen zu sprechen.

Zu Hause zu bleiben und nicht permanent von einer Krankenhausroutine und Vorschriften belästigt zu werden war der Traum schlechthin nach dem Marthyrium meiner beiden Krankenhausaufenthalte. Laurence ist am Tag nach der Entbindung und drei Tage später noch mal vorbeigekommen und wir haben mehrfach telefoniert die erste Zeit.
Nach dieser starken Erfahrung sind wir Freundinnen geworden. Sie ist auch sehr kompetent im Stillen und bei der kleinsten Sorge weiss ich nun , an wen ich mich wenden kann. Bei den Anderen war ich da nicht nur völlig alleingelassen sondern wurde sogar behindert.
Das erste Mal Anlegen fand 25 Minuten nach der Geburt statt, in unserem Bett.
Sie hat lange und gut getrunken. Die Nachgeburt kam dann sofort. Später gab es ein paar kleinere Sorgen mit dem Stillen:
Ganz zuerst trank Lila nur sehr wenig. Sie war ja nicht abgesaugt worden und sie ernährte sich die ersten Tage hauptsächlich von diesem Schleim.
48 Stunden nach der Geburt kam bei mir die Milch. Lila ernährte sich immer noch mehr vom Schleim als von Milch.

Zuerst hatte Lila einen umgedrehten Tag-Nacht-Rhythmus: Das wird schon besser.
Ich bin müde, denn die Nächte sind intensiv.
Ich hatte gedacht, dass das bei uns nicht funktioniert, aber letztendlich schläft Lila bei uns im Bett mit. Es ist zu anstrengend, Lila jedes Mal nach dem Trinken in die Wiege neben dem Bett zu legen und sie da auch wieder rauszuholen, also schläft sie bei uns, so ist es einfacher, sie immer wieder anzulegen. Am 5. Tag hat sie 6 Stunden fast non-stop gestillt. Ich bin trotz der Müdigkeit meiner Sache sicher. Ich habe nie eine so gute Betreuung im Stillen bekommen wie diesmal von Anfang an, das ist eine Sorge weniger. Der Ablauf dieser Geburt versöhnt mich auch ein bisschen mit meiner Vorgeschichte, die beiden anderen Geburten und der Beginn des Stillens.

Für die anderen Kinder ist diese Geburt, obwohl sehr gut vorbereitet, schwierig zu verkraften.
Vor allem Melissa, 4 Jahre alt, hat Probleme, ihren Platz zu finden. Bisher habe ich sie noch nicht als abgestillt betrachtet, sie hat das letzte Mal an der Brust getrunken einen Tag nach ihrem 5. Geburtstag. Ich war mir ziemlich sicher, dass sie wieder stillen wollte nach der Geburt.
Sie hat seitdem 2-3 mal trinken wollen, hat aber nur ein bisschen rumgesaugt ohne wirkliche Überzeugung, mehr , um sich davon zu überzeugen, dass sie immer noch darf, wenn sie will. Das hat nie länger als 30 Sekunden gedauert und sie ist wohl wirklich abgestillt.

Für Philippe und die 2 Grossen war es einfacher, sich zu Hause an den Neuankömmling zu gewöhnen als im Krankenhaus.

Eine ganz bedeutsame Kleinigkeit, die mir am Ende sehr viel bedeutet:
Am 3. Tag hat Laurence das Gesundheitsheft von Lila ausgefüllt. Nachdem sie weg war, habe ich mir das noch mal in Ruhe durchgelesen.
Auf Seite 9 stehen die Auskünfte zur Geburt:
Ort: zu Hause bei den Eltern in X
durchgeführt von ( Name, Status, Adresse): DIE ELTERN, BEGLEITET VON IHRER HEBAMME.

Und da steckt der ganze Unterschied zu dem, was ich vorher erlebt habe, drin. Das ist so aufwertend.

Isabelle, Bormes-les-Mimosas, den 10.11.2003

Link zum Forum für weitere Diskussion: Klick