Hausgeburten - eine Gefahr?

Ich wundere mich schon seit Jahren darüber, dass Hausgeburten fast generell als unglaubliche Gefahr für Mutter und Kind dargestellt werden. Da fragt man sich wirklich, ob sämtliche Kinder, die nicht im Krankenhaus geboren werden,

aus dem Ei schlüpfen oder vom Storch gebracht werden zwinkern

Meiner Meinung nach ist das eine Entwicklung, die in den Anfängen des vorigen Jahrhunderts (oder noch früher) begann, indem die meist männlichen Ärzte den weisen Frauen das Heft aus der Hand nahmen und sie auf das Abstellgleis schoben. Wieviel Wissen ist dort verloren gegangen, unglaublich....

Zum Glück hat sich doch einiges getan, obwohl die Mediziner den Hebammen (per Gesetz!)immer noch die Daumenschrauben anlegen. So darf z.B. eine Hebamme einen Dammschnitt machen, aber nähen darf nur ein Arzt. Das Gleiche gilt für die Verabreichung von Medikamenten.

Manchmal gewinne ich den Eindruck, dass heutzutage viele Hebammen immer noch nicht von den Ärzten für voll genommen werden. Speziell die freiberuflichen Hebammen werden belächelt. Selbst Beleg-Hebammen oder diejenigen, die in den Krankenhäusern angestellt sind, werden m.E. nach zu Handlangern der Ärzte degradiert. Das ärgert mich ungemein.

Aber zurück zur Hausgeburt...

Meine Freundin Annemieke lebt in Holland. Dieses kleine Ländchen am Meer ist in vielen Dingen wesentlich fortschrittlicher, was die Hausgeburten angeht und auch die Zeit danach. Ich gebe jetzt mal einfach die Informationen wieder, die ich von Annemieke erhalten habe.

Um eine Schwangerschaft festzustellen, gibt es selbstverständlich die gleichen Möglichkeiten wie hier bei uns. Ein Schwangerschaftstest z.B. . Oder, wenn das aus irgendwelchen Gründen nicht klar ist, ein Bluttest beim "huisarts" (Hausarzt). Viele der alteingesessenen Hausärzte erkennen es aber quasi schon an der Nasenspitze *g*, da sie ihre Patientinnen meist schon von kleinauf kennen, ja manchmal selbst in diese Welt geholt haben. Die Frauen haben aber auch die Möglichkeit, sich an eine "vroedvrouw" (Hebamme) zu wenden. Diese stellt ein Heft aus, ähnlich unserem Mutterpass, und führt alle notwendigen Untersuchungen durch, die bei einer Schwangerschaft nötig sind.
Ultraschalluntersuchungen werden in Holland in aller Regel auch nur recht selten gemacht. Sollte die Hebamme feststellen, dass die Schwangere Probleme hat, die sie alleine nicht lösen kann oder darf, bleibt auch hier nur der Gang zum Gynäkologen. So arbeiten Hebamme und Gynäkologe Hand in Hand bei Risikoschwangerschaften, Mehrlingsgeburten und und und.

Hausgeburten sind in Holland eigentlich die Regel, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind: ein "normale" Schwangerschaft ohne Probleme, keine Mehrlingsgeburten, keine Steißgeburt. Mehrlings- und/oder Steißgeburten können auch zu Hause durchgeführt werden, wenn zuvor schon eine Geburt stattgefunden hat und die Schwangere ansonsten keine Probleme hat.

Die Hausgeburt kann geplant werden. Dazu können zum Beispiel beim "Grünen Kreuz" Matrazen, Unterlagen etc. gegen eine geringe Gebühr ausgeliehen werden. Meist werden diese Dinge dann kurz vor der Geburt bereitgestellt, so dass sie bei Bedarf vorhanden sind.

Schon während der Schwangerschaft ist die Hebamme Ansprechpartner für alle Fragen, die im Zusammenhang mit einer Schwangerschaft entstehen. Die meisten Hebammen geben Geburtsvorbereitungskurse in Gruppen wie bei uns.

Wenn der Tag der Geburt näher rückt, steht die Hebamme sozusagen in Rufbereitschaft. Bei der Geburt steht es der werdenden Mutter frei, wie sie ihr Kind zur Welt bringen möchte (Zitat von Annemieke: wenn du dich an die Lampe hängen willst und die das aushält, wo ist das Problem *ggg*).
Oftmals ist es sogar so, dass die Geburt ein regelrechtes Familienereignis ist. Da kann es dann schon vorkommen, dass sich im Wohnzimmer werdene Großeltern, Freundinnen, Schwägerinnen und Kinder regelrecht knubbeln. Irgendeiner kocht immer Kaffee, Kinder werden von einem Arm zum anderen gereicht und der Vater bekommt dann schonmal den einen oder anderen Genever, wenn die Nerven blank hängen. Sofern die werdende Mutter das möchte, kann im Schlafzimmer vorbeikommen, wer möchte. Gerade kleiner Geschwisterkinder werden einbezogen, und sei es auch nur, dass sie gucken können, ob es der Mama auch gut geht und sie keiner klaut *g*.

In den letzten Minuten der Geburt kann dann auch der Hausarzt vorbeikommen, oder auch kurz danach. Zum einen, um ggf. der Hebamme zu helfen, zum anderen auch für die Erstuntersuchung des Neugeborenen bzw. Versorgung der Mutter (Dammriss nähen etc.).
Wenn alles gut gelaufen ist und Mutter und Kind wohlauf sind, kommen meist alle, die sich vorher im Wohnzimmer aufgehalten haben, ins Schlafzimmer, um der Mutter zu gratulieren und das Kind zu begrüßen.

Traditionell gibt es dann für die Gäste "beschuit met muisjes", das sind die runden Zwiebäcke, die mit Butter bestrichen werden und mit "muisjes" bestreut werden. Muijes sind kleine Zuckerkapseln, in denen sich Anissamen befindet. Es gibt sie in hellblau und rosa.

Für die Zeit nach der Geburt gibt es zum einen die "kraamverzorgster". Diese kümmert sich um Mutter und Kind und sorgt dafür, dass der Haushalt weiterläuft. Man kann sie nicht wirklich mit einer Haushaltshilfe vergleichen, da sie auch vielfach den Ärzten oder Hebammen bei der Geburt zur Hand gehen und fast die gleiche Ausbildung wie eine Hebamme haben.
Die Hebamme selbst kommt nach der Geburt noch 3 oder 4 mal vorbei und kontrolliert z.B. ob die Gebärmutter sich wieder gut zurückgebildet hat, ob es mit dem Stillen klappt und und und.

In den größeren Städten in Holland mag es vielleicht etwas anders abgehen. Annemieke wohnt auf einer Insel und ich kann von meinen unzähligen Besuchen dort berichten, dass auch nach der Geburt ein ständiges Kommen und Gehen herrscht. Der Zusammenhalt ist fast schon unheimlich und die Hilfestellung von Freunden, Familie und Nachbarn grandios.

Die Geburt wird hier als das gesehen, was es ist. Ein ganz natürlicher Vorgang. Jedenfalls wird dort nichts so künstlich hochgeschraubt, wie z.B. in Deutschland. Meine Erzählungen, wie bei uns hier mit Schwangerschaft und Geburt umgegangen wird, rief nur Kopfschütteln und ungläubiges Staunen hervor (du bist doch nicht krank, du bekommst doch nur ein Kind).

Es wäre wünschenswert, wenn ein Umdenken in diese Richtung endlich wieder in Deutschland Einzug halten würde.

In diesem Zusammenhang könnt Ihr auch noch den Artikel von LaLoba über die Hausgeburt ihrer Enkelin in Frankreich nachlesen.