Eines Kindes Wehklage

Geschrieben von Sigrid.

Ich fühle mich im Bauch meiner Mutter so warm, sicher und geliebt,
doch dann schießt der Alkohol ein und wird mein Grabstein.
Der Alkohol nimmt mir mein Leben, du weißt ja nicht wie er das macht.


Hast du dich nie gewundert, Mutter, warum ich anscheinend nicht wachse?
Sogar der Arzt, der so höflich und kühl ist, sagt,
dass ein Drink oder zwei, dann und wann nicht schaden kann.
Er wusste nicht, dass die hin und wieder ein oder zwei Drinks,
schau doch, durch deinen Körper fließen und dann bei mir landen.

Du warst mit ein paar Freunden und hast heute den Drink geschluckt,
und nun habe ich dieses üble Gefühl, das nicht weggehen will.
Etwas Schlimmes ist mir zugestoßen, Oh Mami, fühlst du's nicht?
Ich weiß noch, dass ich in deinem Bauch bin, aber es kommt mir so unwirklich vor.
Ich fühle, dass irgendwas fehlt, so, als wenn ich nicht ganz da wäre.
Etwas stimmt mit mir nicht, und ich fürchte mich.
Vielleicht sehe ich was, wenn ich hier raus komme?
Aber, Mami, ich fürchte mich, ich sehe und fühle nur dunkle Nacht.
Ich wachse nicht mehr so wie vorher und das Denken fällt mir schwer.
Das alles fing an, als du den ersten Drink zu dir nahmst.
Die Dinge verändern sich rasend schnell, seit ich aus deinem Bauch gepresst wurde.

[B]Nun bin ich nicht länger in dir drin[/B], ich bin in der großen, weiten Welt.
Bei der Geburt war ich kleiner als die anderen.
Ich hatte einen klitzekleinen Kopf, der sich auf deiner Brust ausruhte.
Schau mich an, Mami, schau in meine großen blauen Augen,
fandest du nicht auch, dass da etwas zu wenig Weiß drin ist?
Du sagst, ich habe eine kecke Nase, weil der Nasensteg so flach ist,
Dir fällt auf, dass ich unruhig schlafe, weißt aber nicht warum.

Und als ich älter werde bemerkst du, dass ich nicht sonderlich aufmerksam bin.
Ich bin sehr klein, meine Gelenke sind steif
und da sind noch andere Sachen, die man nennen könnte.
Meine Reflexe sind schlecht, ich bin schrecklich haarig
und meine Hände haben keine Falten.
Ich beginne dir auf die Nerven zu gehen, weil mein Geplärre nie aufhört.
Wenn ich ums Haus tapse und mich ungelenk bewege,
kann ich mich kaum aufrecht halten und falle auf den Boden.
Auf gewisse Dinge bist du ganz stolz,
wenn ich etwa mit allen und allem gut Freund bin.
Egal wer mich ruft, ich bin immer zur Stelle.

Dann brachtest du mich in die Schule und dachtest, ich würde was lernen.
Zu Hause war ich ungeschickt, egal wie viel Zeit wir uns ließen.
Als du mich zur Schule brachtest, tatest du verlegen,
weil ich noch nicht windelfrei war, hattest du Angst,
ich würde den Clown spielen.
Mami, du liebst mich nicht mehr so wie früher,
als ich auf die Welt kam,

In deinen Augen liegt Schmerz, wenn du mich verächtlich und
spöttisch behandelst.
Du weißt, ich lerne nicht so gut, das fällt auch den Lehrern auf.
Für etwas, das sie IQ nennen, soll ich besondere Tests machen.
Vermutlich habe ich die Tests nicht so gut gemacht.
Es war sehr schwer für mich, aber ich gab mein Bestes.
Nun bin ich in einer anderen Schule, und alle Kinder sagen, dass ich doof wäre.
Sie rufen mich mit verschiedenen Namen
und ich wünschte, ich wäre taub.
Du sagst, ich bin dir zu sehr im Weg
und deshalb muss ich in ein besonderes Heim gehen,
wo ich vielleicht besser wachsen kann.
Sie versuchen dort mir verschiedene Dinge beizubringen,
alles was ich im Leben so brauche.
Aber, Mami, nimm mich bitte wieder hier 'raus,
denn hier ist so viel Streit.

Nun bin ich 15. Ich verstehe, dass ich nicht so wie andere Kinder bin.
Körperlich bin ich schrecklich zurückgeblieben
und meine Gesundheit ist ins Schleudern gekommen.
Mami, nimm mich wieder zurück, ich weiß nicht, wo du bist.
Ich weiß, bei dir bin ich sicher, ich strolche nicht herum.
Mami, ich bin nun so müde, mein Körper wird schwach,
ich sehne mich nach den Tagen, als du mich liebtest
und meine Wange streicheltest.
Der Arzt sagt, mein Herz wäre nicht in Ordnung
und er könne da nichts mehr machen.

Ich bin nun 19. Ich bin einsam und langsam verzweifle ich.
Ich hörte die Schwester und den Arzt sagen,
dass ich so eine verrückte Krankheit hatte,
etwas, das sie FAS nennen und die mein Leben bestimmt.
Sie sagten, dass ich nie eine Chance hatte, ein normales Leben zu führen.
Ich würde nie Vater werden oder ein Mädchen zur Frau bekommen.

Mutter, sie sagen, dass der Alkohol,
den du trankst, einen Fluch über mich gebracht hat.
Schon bald werde ich meinen letzten Ritt in einem Leichenwagen antreten.
Nun liege ich hier tot, doch dennoch willst du nicht kommen und mich sehen.
Hast du überhaupt jemals an mich gedacht, seitdem du mich ins Leben gerufen hast?
Ich bin verbittert, Mutter, ich habe kein erfülltes Leben gehabt.
Man hat mich nur angeschrieen, weil ich mich dauernd danebenbenahm und nicht so war, wie ich sein sollte.
Sag mir, Mutter, wusstest du, was der Alkohol alles anrichten kann?
Schon im Mutterleib war ich krank, wie hätte ich es dir sagen sollen?
Ich fühlte mich so warm und geborgen und geliebt in meines Mutters Bauch,
und fühlte, wie der Alkohol hineinschlich und mich meinem Schicksal übergab.
Veröffentlichung mit freundliche Genehmigung von Tim Langlo
http://www.fasworld.de