Kultur und Leben im Matriarchat bei dem Moso

Geschrieben von Sabina.

Yang Erche Namu & Christine Mathieu:

- Das Land der Töchter -

Eine Kindheit bei den Moso, wo die Welt den Frauen gehört

Die Anthropologin Christine Mathieu war immer auf der Suche nach einem "echten" Matriarchat; nicht nach einer Gesellschaft, die lediglich matrilineare Strukturen aufwies, sonst aber keine eindeutigen Merkmale eines Matriarchats aufwies. Als sie Yang Erche Namu, heute berühmte Popsängerin in China, fand und ihre Geschichte hörte, hatte sie gefunden, was sie suchte. Sie war die erste Anthropologin, die die Moso-Kultur, in der Namu aufgewachsen war, vor Ort "erforschen" durfte.

Namu erzählte ihre Kindheitsgeschichte in vielen langen Gesprächen. Daraus ist dieses wundervolle Buch entstanden, das ein komplexes Bild der Kultur der Moso zeichnet; das sich leicht liest, sehr kraftvoll, spannend und lebendig ist und so geschrieben, dass man/frau sich leicht in das Leben und den Alltag der Moso hineinversetzen kann.

Die Moso leben am Fusse des Himalaya als ethnische Minderheit Chinas. Das Sagen haben die Frauen. Jeder Haushalt hat eine Dabu, eine Haushaltsvorsteherin, eine Matriarchin, die das Haus führt. Sowohl Männer wie Frauen, die in diesem Haus geboren sind, bleiben dort für den Rest ihres Lebens - bis auf wenige Ausnahmen: eine davon ist Namus Mutter, die in ein nachbarliches Dorf zieht und ein eigenes Haus, einen eigenen Haushalt mit Familie gründet.

Jede und jeder in dieser Gesellschaft hat relativ festgelegte Aufgaben. Die Frauen scheinen fast mehr Arbeit zu erledigen zu haben als die Männer, die viel unterwegs sind, um Handel zu treiben. Manche der Männer werden buddhistische Lamas, was wichtig ist, um gewisse Traditionen fortsetzen zu können, da für einige Rituale Lamas, weise Männer, benötigt werden. Doch prinzipiell scheint jeder anzupacken, wo es Arbeit gibt.

Bei den Moso werden die Kinder meist weniger von der Mutter erzogen. Töchter werden von den Tanten erzogen, Söhne von den Onkeln. Und jeder Erwachsene fühlt sich für jedes Kind verantwortlich. Manchmal werden Kinder in der Kleinkindzeit getauscht. Meistens aus folgendem Grund:
Wenn eine Frau nur Mädchen bekommt, so sagen die Moso, brauche es einen Jungen, und die Frau wird als nächstes einen Jungen gebären. So tauscht die Mutter eine ihrer Töchter gegen einen Jungen - vielleicht von einer Frau, die nur Jungen bekommen hat. Sonderbarerweise funktioniert dieses System in den meisten Fällen, und in Namus Erzählung wirkt es nicht so, als litten die Kinder darunter.

Die Moso kennen keine Heirat. Sie halten das für überflüssig. Man bleibt solange zusammen, solange man sich liebt. Die Männer werben mit kunstvoll handgefertigten Gürteln um die Frau ihres Herzens, und hängt die Frau den Gürtel eines Mannes, den sie will, abends ins Fenster, so weiß er, dass er willkommen ist. Hat sie die Nase voll von ihm, hängt sie seine Tasche mit seinen Utensilien an einen Haken an der Tür, und somit weiß er, dass er dieses Haus nicht mehr zu betreten hat. Es klingt kalt, doch nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Auch die Frauen werben, sie singen Lieder, und viele Paare bleiben lange zusammen.
Der Mann hat keine Vaterrechte auf das Kind, da die Kinder im Hause der Frau von den Brüdern und Schwestern aufgezogen werden.

Laut Namus Aussage gibt es keine Verbrechen in der Gesellschaft der Moso. Ein heftiger Streit, eine Eifersuchtsszene oder ein Diebstahl ist das Schlimmste, was geschehen kann. Sich offen zu streiten, ist u.a. wohl das Peinlichste, das den Betroffenen widerfahren kann. Man hat sich zu beherrschen und freundlich zueinander zu sein. Wenn jemand meint, er/sie müsse schreien - vor Wut, Empörung, aus welchem Grunde immer -, so schreit er statt eines Menschens z.B. die Schweine an.
Selbst während der Zeit der kommunistischen Revolution gab es keine Gewalt. Die Moso waren friedlich und man brauchte sie nicht zu bekehren, da bei ihnen natürlicherweise jeder hatte, was er brauchte und alles geteilt und somit eine Form des Kommunismus bereits gelebt wurde und noch wird.

So utopisch, so friedlich und freundlich all das klingt: Namu tritt in die Fußstapfen ihrer Mutter und flieht schließlich als junge Frau aus ihrem Dorf, da die Traditionen sie ersticken. Sie flieht ohne Geld nach Shanghai, um dort am Konservatorium eine Ausbildung zur Musikerin und Sängerin zu machen.
Nach Jahren kehrt sie für einige Tage zurück und weiß, sie wird immer wieder heimkehren, doch sie kann dort nicht leben. Ihre Entscheidung, die sie im Affekt getroffen hatte, hat sich damit als richtig erwiesen.


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